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Judy traute ihren Augen nicht. Er hatte es tatsächlich schon wieder getan. Immer und immer wieder und mittlerweile machte er anscheinend noch nicht mal ein Geheimnis daraus. Sie sank langsam auf das Sofa, das Telefon noch in der Hand. Angenommene Anrufe: 4, weitere Infos...


Judy musste plötzlich zurückdenken an den Tag als John und ihr bewusst geworden war, dass es mehr zwischen ihnen beiden gab als eine Sandkastenfreundschaft. Sie waren wieder einmal wie so oft im BlueMoon gewesen, ihrer Lieblingsdisko. John stand vor ihr mit zwei Cocktails in der Hand und hatte einen ganz sonderbaren Ausdruck in seinen Augen. Sie wusste damals sofort, dass dieser Abend anders verlaufen würde als die vielen gemeinsamen Diskobesuche zuvor. Und so kam es wie es kommen musste: die erste gemeinsame Nacht als Paar, Schmetterlinge im Bauch, Glück pur!

Sie hatte bereits als kleines Mädchen den sehnlichen Wunsch, eine Familie zu gründen und diesen Wunsch hatte sie sich auch bewahrt. Als drei Jahre nach diesem ereignisreichen Abend Sebastian geboren wurde, war Judys Glück endgültig perfekt.

Und als ihre Eltern kurz darauf bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen, waren ihr Mann und ihr Sohn der einzige Halt, um diesen Verlust überhaupt verkraften zu können. „Wenn ich damals gewusst hätte, was auf mich zukommen würde...“, wie oft ist ihr dieser Gedanke schon durch den Kopf gedrungen.


Ein Kinderlachen riss Judy aus ihrer geistigen Abwesenheit. Sie lief zum Fenster und blickte nach drüben auf die andere Straßenseite. Das gewohnte Bild wie schon seit Wochen: diese furchtbare Familie, die zum Sommeranfang in Bucks Haus eingezogen war veranstaltete mal wieder ein Schauspiel der besonderen Art. Die kleine ungezogene Göre von Tochter saß in ihrem Schwimmbassin im Vorgarten und spritzte mit einer Wasserpistole auf das Küchenfenster. In regelmäßigen Abständen wie ein konditionierter Hund erschien ihre eingebildete Mutter mit wechselnder Laufsteg-Kollektion in der Tür und drohte der Kleinen mit schriller Stimme alles mögliche an: von der Wegnahme der Wasserpistole über das Fernbleiben von Osterhase und Weihnachtsmann bis zur Heimkehr des Vaters am Abend, der dann schon „für Ordnung sorgen wird“. Wie konnte man nur sein Kind derart zu einem Vollidioten erziehen...


Judys Blick senkte sich auf das Telefon in ihrer Hand und plötzlich hatten sie die dunklen Dämonen wieder eingeholt. Angenommene Anrufe: 4, weitere Infos... Sie kannte diese Telefonnummer nur zu gut, schließlich hatte sie ihrem Liebesglück mit John ein jähes Ende bereitet. Ja, sie war die ganze Zeit ihres Lebens in ihren Mann verliebt wie zu Beginn ihrer Beziehung.

Sebastian kam von der Schule nach Hause und unterbrach seine Mutter in ihren düsteren Gedanken. Anscheinend ahnte er, dass etwas nicht stimmte: „Ist alles in Ordnung, Mum?“ Judy hatte es während der vergangenen Wochen immer geschafft, das Desaster vor ihm geheim zu halten und auch jetzt musste es ihr noch einmal gelingen, die Fassade aufrecht zu erhalten. Mit einem Ruck richtete sie sich auf und lächelte ihren Sohn liebevoll an. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Jeder, der die beiden zusammen sah, war erstaunt darüber wie ähnlich sie sich sind. Derselbe Ausdruck, derselbe Gang, dieselben Gesten. Judy nahm ihre ganze Kraft zusammen: „Es ist alles in Ordnung. Ich war nur kurz eingenickt; irgendwie steckt wohl eine Erkältung in mir. Alles klar bei dir? Wie war's in der Schule?“

Och, wie immer. Ich werde mich wohl nie an dieses kuriose Lehrervölkchen gewöhnen können aber was soll's..? Adam kommt mich nachher abholen, wir wollen heute Nachmittag nochmal mit der Band proben. Ist doch ok, oder?“

Sebastian, du bist 16, wieso fragst du sowas? Du musst selber wissen, wie du deine Zeit für dich einteilst. Solange mir hier das 'Lehrervölkchen' nicht auf der Matte steht und sich über dich beklagt, ist mir alles Recht...naja, fast alles“, sie schaffte es sogar, ein herzhaftes Lachen hervor zu zaubern.

Sebastian holte sich in der Küche ein Glas Milch und verschwand nach oben auf sein Zimmer. Zurück blieb eine unheimliche Stille im Raum und das Telefon mit seinen 4 angenommenen Anrufen immer noch in ihrer Hand.

Sie musste mit John reden sobald er am nächsten Abend von seiner Geschäftsreise zurückgekehrt war. Dieser Zustand musste zu Ende gehen, egal wie schmerzhaft es auch werden würde.


Wie dumm war sie doch gewesen als sie vor ein paar Wochen noch gedacht hatte, ihr Mann hätte eine Affäre mit einer anderen Frau. Es gab einige Anzeichen dafür, dass irgendetwas nicht mehr so war wie sonst. Er kam immer später nach Hause, verbarg sich hinter einem Berg von Arbeit und interessierte sich überhaupt nicht mehr für die vielen kleinen Alltagsprobleme, die sie sonst immer abends bei einer Tasse heißen Tee besprochen hatten, eine Tradition seit ihren Teenietagen. John und sie waren schon ein besonderes Pärchen, all ihre Freunde beneideten sie ständig darum, welches Glück die beiden nach außen hin ausstrahlten. Ein trügerischer Schein, wie sie mittlerweile lernen musste.

Alles begann am Pfingstmontag als sie John am Abend zum Flughafen brachte. Er musste am nächsten Morgen bei einem wichtigen Geschäftstermin sein und hatte sich daher entschieden, bereits am Vortag anzureisen. Manchmal spürt man einfach, dass etwas nicht stimmt ohne genau zu wissen, warum. Und genau so ein Gefühl ereilte Judy bei ihrer Verabschiedung am Gate. John war kühler als sonst, völlig abwesend und in Gedanken versunken. Sie rief ihm noch hinterher, er solle die CD für Sebastians Geburtstag nicht vergessen aber er lief einfach weiter ohne sich umzudrehen. Judy war sich ganz sicher, dass John sie gehört hatte aber offensichtlich nicht mehr hören wollte.


Das Geräusch eines Garagentores ließ Judy hochschrecken. Ein kurzer Blick auf die Wanduhr verriet ihr, dass sie wohl eingenickt sein musste. Sie stand auf und lief zum Fenster, um etwas frische Luft zu atmen. Ihr neuer Nachbar war nach Hause gekommen und winkte ihr zu auf seinem Weg zur Haustür. Sie konnte die Familie nicht leiden, obwohl ihr nicht genau bewusst war, warum eigentlich. Vielleicht wegen dieser unmöglichen Frau, die als Mutter in ihren Augen vollkommen ungeeignet war... Vielleicht aber auch weil die beiden glücklich zu sein schienen, nach außen hin jedenfalls. So wie sie und John heute noch nach außen hin glücklich erscheinen mussten.


Das Telefon lag auf dem Boden, es musste ihr beim einschlafen aus der Hand geglitten sein. Judy hob es auf und legte es auf den Tisch. Sie ging nach oben, um nach Sebastian zu sehen aber er war wohl bereits zu seiner Bandprobe gegangen. „Meine Güte, wie tief muss ich geschlafen haben, dass ich nicht mal bemerkt habe, dass Sebastian das Haus verlassen hat“, dachte sie und ging hinunter in die Küche. Auf der Anrichte lag die „Different Directions“, eine Zeitschrift, die sie sich vor Jahren bei einer Werbeaktion hatte aufdrehen lassen und es bis heute nicht schaffte, dieses dusselige Abonnement zu kündigen. Judys Blick fiel auf einen Artikel mit der Überschrift „Ich steige aus“. Sie nahm die Zeitschrift und setzte sich an den Tisch. Anfangs aus reiner Neugier fesselte sie dieser Beitrag mehr und mehr je weiter sie las. Eine Frau in Judys Alter erzählte ihren Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben. Als Sekretärin von ihrer Firma ausgebeutet und als Frau von ihrem Mann jahrelang betrogen, entschied sie sich innerhalb einer Sekunde von einem Tagesausflug ans Meer nicht mehr nach Hause zurück zu kehren. Sie fuhr einfach an ihrer Ausfahrt vorbei immer weiter geradeaus bis zum nächsten Morgen... Sie ließ alles hinter sich ohne sich einmal umzudrehen. Es folgten noch ein paar weitere Infos wie sie sich an ihrem jetzigen Wohnort eine neue Existenz als Künstlerin aufbaute und alle negativen Erinnerungen an ihr früheres Leben abschüttelte. Es sei nun alles besser und dieser Befreiungsschlag habe ihr das Leben gerettet.

Judy begann nun wieder nachdenklich zu werden. Ein Befreiungsschlag! War es vielleicht auch genau das, was sie brauchte? Sebastian war 16 und damit kein kleines Kind mehr. Er würde seinen Weg von nun an ohnehin alleine finden. Und John? John war bereits so weit von ihr entfernt auf seinen Abwegen, dass er sowieso nicht mehr zu ihr zurückfinden würde. Er hatte sich seine eigene Welt aufgebaut und für diese Welt einen anderen Begleiter gewählt...

Ihr Verstand pochte plötzlich mit kräftiger Faust auf den Tisch. „Hast du denn nun endgültig alle Sinne verloren? Du denkst ernsthaft darüber nach, deine Familie zu verlassen, um deine Probleme zu lösen? Bist du noch zu retten?“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie erschrak über sich selbst, doch der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Die ganze Nacht fesselte sie die Vorstellung davon, allem hier den Rücken zu kehren. Dem Leben, das sie sich seit ihrer Kindheit so sehr gewünscht hatte, es aber anscheinend aus irgendeinem Grund nicht bekommen sollte. Und John, für den sie so tiefe Gefühle hegte, die er ihr gegenüber jedoch nicht mehr erwidern konnte. Es wäre eine Möglichkeit...


Judy fiel in einen kurzen unruhigen Schlaf und bereits als die ersten Vögel mit ihrem Morgenkonzert begannen, wachte sie wieder auf. Sie spürte, dass dieser Tag der wichtigste ihres Lebens sein würde. Jede Faser ihres Körpers war derart angespannt, dass es schon nahezu anfing zu schmerzen. Nach einer heißen Dusche ging Judy nach unten in die Küche und setzte sich zu Sebastian an den Frühstückstisch. Eine große Tasse mit heißem Kaffee umklammernd bemerkte sie erst gar nicht, dass sie ihren Sohn unentwegt anblickte. Sebastian reagierte mit einer Mischung aus Verwunderung und Besorgnis: „Mum, ist alles in Ordnung?“ Judy erwachte verstört aus ihrer Trance und schaffte es wieder einmal, die kummervolle Situation, in der sie sich befand, geschickt zu vertuschen. „Ja, natürlich, mein Großer. Ich bin nur momentan etwas abwesend. Diese Erkältung scheint wohl doch schlimmer zu werden als ich befürchtet habe.“ Sebatian trank den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse, gab seiner Mutter im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange und holte sich von der Anrichte einen Apfel. „Dann solltest du auf jeden Fall heute zum Arzt gehen. Die richtige Medizin wird dich sicherlich helfen. Ich muss los. Werd' heut' Abend etwas später heimkommen, wir wollen noch zu Adam und proben. Morgen ist doch unser Konzert im 'YoungCube'. Vielleicht bleib ich auch über Nacht bei ihm. Ist doch ok, oder?“

Judy fühlte sich in diesem Moment plötzlich so ruhig und gefestigt wie schon lange nicht mehr. Als Sebastian bereits im Flur auf dem Weg zur Haustür war, lief sie ihm hinterher und rief ihm noch etwas nach: „Sebastian, versprichst du mir, dass du immer auf dich aufpassen wirst. Und dass du immer deinen Weg gehen wirst, egal welche Hindernisse sich dir auch in den Weg stellen werden?“ Sebastian drehte sich verdutzt um. Er wusste ja, dass seine Mutter immer mal wieder einen melancholischen Anfall hatte, wie er es bezeichnete, aber dieser Moment barg etwas in sich, das er nicht fassen konnte. Es hörte sich fast an wie eine Art Abschied... „Mum, ist wirklich alles in Ordnung?“

Versprich es mir bitte, das ist alles was ich möchte“, entgegnete Judy etwas resolut. „Ja, natürlich werde ich meinen Weg gehen soweit mir das im Leben möglich sein wird. Das verspreche ich dir.“

Judy lief zu ihm hin und umarmte ihren Sohn kräftig. Sie zwang sich ein müdes Lächeln auf ihre Lippen. „Deine Mutter hat wohl zu viele Groschenromane gelesen. Jetzt mach, dass du los kommst.“


Die Nachmittagssonne war an diesem Tag noch extrem kräftig. Judy hatte auf der Veranda den Sonnenschirm aufgespannt, und es sich auf der nostalgischen kleinen Gartenbank mit einem Glas Eistee gemütlich gemacht. Hier an der Rückseite des Hauses wirkte die Welt wie ein kleines Paradies. Kein Straßenlärm, keine nervenden Nachbarn. Nur Pflanzen und Tiere und ein klein wenig die Illusion als wäre diese Welt gar nicht in der Lage auch Probleme hervorzubringen. Im Grunde genommen waren es ja auch die Menschen, die die Probleme hervorbrachten, schoss es Judy durch den Kopf. Und plötzlich erlebte sie wie in einem Film die gesamte Situation noch einmal, die sie in diese schmerzliche Lage versetzt hatte. Es war ziemlich genau vor drei Monaten als sie zum ersten Mal diese Telefonnummer auf dem Display gesehen hatte. Judy saß am Schreibtisch und sortierte einige Rechnungen als sie versehentlich mit dem Arm das Telefon auf den Boden warf. Judy hob es auf und stellte es auf den Tisch zurück als ihr Blick auf eine Telefonnummer fiel, die als zuletzt gewählt auf dem Display erschien. Sie hatte nie einen Grund gehabt, John hinterher zu spionieren. Ganz im Gegenteil, sie war immer der Meinung gewesen, in einer Beziehung müsse Vertrauen ganz selbstverständlich sein und dürfe von beiden Partnern zu keiner Zeit angezweifelt werden. An diesem Vormittag war das anders. Vielleicht war es Schicksal, vielleicht war es Intuition oder einfach nur ein dummer Zufall, dass Judy aus Neugier die Wahlwiederholungstaste drückte. Nach vier Klingelzeichen meldete sich eine sympathisch klingende Männerstimme: „Hallo John Boy, das ist ja klasse, dass du dich nochmal kurz meldest. Weißt du, ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Seit unserer gemeinsamen Nacht muss ich unaufhörlich an dich denken. Ich bin einfach nur mega verknallt in dich!“

Der nette junge Mann am anderen Ende der Leitung war ganz offensichtlich in fortgeschrittenem Verliebtheitszustand, verliebt in ihren Mann! Judy stockte der Atem. Normalerweise wäre durch diesen Anruf bereits damals alles ans Tageslicht gekommen aber ein seltsamer Umstand sollte dies verhindern. Eine Woche zuvor hatte die Telefongesellschaft angekündigt, sie werde ihre gesamte IT-Infrastruktur modernisieren und gleichzeitig mit einer neueren Software versehen. Die Kunden wurden bereits vorsorglich um ihr Verständnis gebeten falls es hier und da zu kleinen Verbindungsproblemen kommen sollte. Nun ja, die Probleme wurden leider etwas größer als erwartet und hielten sich standhaft über mehrere Wochen. So kam es immer wieder vor, dass das Telefonsystem aus heiterem Himmel die zuletzt gewählte Nummer nach Minuten oder Stunden noch einmal wählte und eine tote Leitung aufbaute. Man hatte sich zu dieser Zeit kurioserweise schon so an diese vielen sinnlosen Verbindungen gewöhnt, dass man richtiggehend erstaunt war, wenn das Telefon klingelte und die angezeigte Person sich am anderen Ende auch tatsächlich zu Wort meldete. Die Medien berichteten damals, vermutlich habe ein ehemaliger Mitarbeiter diesen Fehler absichtlich in die Software einprogrammiert als Rache für eine zuvorgehende Kündigung durch die Telefongesellschaft. Ganz aufgedeckt wurde die Ursache jedoch nie.

Und für eine vermeintlich tote Leitung sorgte Judy in diesem Moment ganz automatisch. Sie hielt die Luft an. Tausend Gedanken schossen wie Pfeile durch ihren Kopf. Hatte der junge Mann am Telefon vielleicht jemand anderen gemeint? Eine Verwechslung! Aber er kannte die Nummer und hatte sie mit dem Namen ihres Mannes angesprochen. Wie sollte sie das verstehen? Was war hier passiert? Sie hatten beide nie Geheimnisse voreinander und jetzt das. Die vermeintliche Geliebte von John hatte sich als Liebhaber entpuppt. In ihrer Erinnerung hatte Judy die seltsame Gewissheit, selbst ihr Herz habe in diesen Sekunden aufgehört zu schlagen aus Angst, sie könne sich bemerkbar machen und die ganze Welt würde die Wahrheit erfahren, wie die Lovestory von Judy und John gerade zu Ende geht.

Und so kam es, dass ihr potenzieller Gesprächspartner nach einigen „Hallo?“-Rufen vor sich hin murmelte: „Hoffentlich bekommen diese Kasper von PhoneEleven das endlich mal in den Griff“ und verärgert auflegte.

Judy konnte sich nicht mehr erinnern, wie lange sie noch versteinert am Schreibtisch saß. Mit einer inneren Leere und einem unheimlichen Gefühl der Hilflosigkeit wie sie es noch nie in ihrem Leben verspürte. Sebastian hatte sie damals aus ihrem Koma erweckt als er von der Schule heimkam und seine Mutter erstarrt im Wohnzimmer sitzend vorfand. Es war nicht einfach gewesen, in dieser Situation eine Erklärung für ihren Zustand zu finden aber es kam ihr erstaunlicherweise schnell eine einigermaßen glaubhafte Erklärung in den Sinn und sie faselte etwas von Übermüdung und Kopfschmerzen.


Judy entwickelte sich in den folgenden Wochen zu einer staatlich geprüften Ermittlerin. Sie hatte nie herausgefunden, wo und wann John diesen Stuart kennengelernt hatte. Vermutlich weil ihr Unterbewusstsein ihr signalisierte, dass sie diese Details im Grunde genommen gar nicht wissen wollte. Sie verschwendete auch keinen Gedanken daran, zu ergründen warum alles so gekommen war, denn hier wusste sie bereits, dass es keine rationelle Erklärung dafür gab. Sie hatte John auch nie zur Rede gestellt, seltsam...jede andere Frau hätte das sicherlich getan. Aber Judy wusste durch ihre Nachforschungen bald, dass die vorgeschobene Arbeit und die sich häufenden Geschäftsreisen in Wahrheit nur Alibis waren für die Treffen mit Stuart. Ihr John hatte ihr den Rücken gekehrt für einen anderen Mann!


Auf dem Weg zum Flughafen erinnerte sich Judy daran wie sie mit ihrem Mann über Zukunftsängste geredet hatte. Dass Menschen sich verändern und niemand weiß in welche Richtung und ob in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren alles noch so glücklich sein wird wie zu jener Zeit. Er hatte sie in den Arm genommen mit den Worten: „Lass doch die Welt da draußen sich verändern. Was geht das uns an? Wir gehören nicht dazu.“

Auf eine ganz bittere Art hatte sie nun lernen müssen, dass sie sehr wohl dazu gehörte zu dieser unerbittlichen Welt. Genauso wie John, dem sie in einer Stunde gegenüberstehen würde. Wie sollte sie sich verhalten? Am Flughafen konnte und wollte sie das Thema auf keinen Fall ansprechen. Würde sie es schaffen, ihre Fassade so lange wie nötig aufrecht zu erhalten? Ihre Kräfte waren am Ende, so sehr sie sich auch anstrengte, es ging nichts mehr!

Ein blinkendes Baustellenschild riss Judy aus ihren Gedanken. Die Flughafenausfahrt war an diesem Tag komplett gesperrt worden. Nach monatelangen Diskussionen hatte die Stadtverwaltung beschlossen, die dringend notwendige Brückensanierung an einem Stück durchzuführen, um die Bauzeit so kurz wie möglich zu halten. Sie hatte noch am Morgen einen entsprechenden Zeitungsartikel hierzu überflogen, der jedoch in ihrem Gedankenchaos nicht lange gespeichert blieb. Man befürchtete ein Verkehrschaos, da sich viele Touristen aufgrund der komplizierten Umleitungsstrecke verfahren und nicht rechtzeitig den Flughafen erreichen würden. Judy spürte wie all ihre Emotionen der letzten Wochen in einem unheimlichen Gefühlsmix in ihr aufstiegen. Sie dachte an John, an Sebastian, an ihre Eltern und an die Frau aus dem Artikel in der „Different Directions“, die den Mut der Verzweiflung aufbrachte und all ihre Probleme einfach hinter sich gelassen hatte.


Es wurde bereits dunkel als Judy an den verlassenen Fabrikgebäuden weit außerhalb der Stadtgrenze vorbei rauschte. Sie hatte das Radio eingeschaltet, um sich nicht gar so einsam zu fühlen und je weiter sie fuhr, umso ruhiger und gefasster fühlte sie sich. All die Monster in ihrem Kopf waren plötzlich so unvorstellbar klein und bezähmbar wie sie es nie mehr für möglich gehalten hatte. Was musste der Angestellte von PhoneEleven wohl in dem Moment empfunden haben als er den Computervirus in die Telefonsoftware einprogrammiert hatte?


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upstairs



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