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Letzte Nacht habe ich von Steven geträumt. Es war sonderbar faszinierend und beängstigend zugleich. Er stand so nah vor mir, dass es richtig real zu schein schien, ich konnte sogar sein Kinngrübchen erkennen, das mir immer so gefallen hatte. Es verlieh ihm ein gewitztes Aussehen und verhalf ihm so oft dazu, die Herzen der anderen im Sturm zu erobern.

Im Traum stand er nur vor mir und lächelte mich an, er wirkte auf eine sehr beruhigende Art zufrieden und entspannt. Überhaupt nicht so als ob man sich um ihn Sorgen machen müsste. Wir sahen uns eine ganze Weile stumm an und gerade als ich Luft holen wollte, um ihn anzusprechen, legte er seinen Finger auf die Lippen und deutete mir, still zu sein. Ich bemerkte, dass der Traum langsam zu Ende ging und kurz bevor er aus meinem Unterbewusstsein verschwand, wandte er sich noch einmal zu mir mit den Worten: „Du musst dir keine Gedanken machen. Es ist wirklich alles in Ordnung. Mir geht es gut. Stell dir vor, ich hatte damals tatsächlich Recht.“


Fünf Jahre sind vergangen seit jenen seltsamen Tagen in meinem Leben als ich Steven kennenlernte und ihn leider viel zu schnell wieder verlieren musste. Ich werde dieses Geräusch wohl nie mehr vergessen als er in dieser schicksalhaften Nacht an meine Tür hämmerte, jene Nacht als das Unheil seinen Lauf nahm. Ich war vor dem Fernseher eingeschlafen und es dauerte eine ganze Weile bis ich begriff, dass die Klopfgeräusche nicht von meinem Thriller stammten, der ohnehin längst dem Abspann zum Opfer gefallen war. Steven stand vor meiner Wohnungstür und hämmerte pausenlos auf sie ein. Ich öffnete die Tür und starrte in sein tränenüberströmtes Gesicht. Rinnsäle von Trauerwasser zeichneten jede noch so feine Linie in seinem sonst so natürlich strahlenden Jungenlachen. Steven fiel mir in die Arme ganz so als sei es die letzte Tat, die er in seinem Leben vollbringen wollte. Ich fing ihn auf und stützte ihn zum Sofa. Es war undenkbar, ihn auch nur anzusprechen. Er schluchzte und weinte unaufhörlich und alles was ich tun konnte, war mich neben ihn zu setzen und abzuwarten.


Ich kann mich gar nicht mehr genau an unsere erste Begegnung erinnern. Es war wohl bei einer dieser fürchterlichen Szenepartys gewesen. Ich stand gelangweilt an einer Säule und beobachtete das Treiben vor meinen Augen. Mich selbst fragend, warum ich mir das hin und wieder antun musste, starrte ich auf diese Ansammlung arroganter, von sich selbst eingenommener Typen; jeder der Schönste auf der Suche nach einem noch Schöneren, wohl wissend, dass es das ja gar nicht geben konnte in einer Welt, die sich nur um sich selber dreht. Steven sprach mich an und fragte mich nach Feuer für seine Zigarette. Ich glaube, er fügte seinem Satz so etwas bei wie: „Das ist keine Anmache, nur nicht auf dumme Gedanken kommen, ich hab echt kein Feuerzeug dabei.“ Und ich muss wohl auf meine sarkastische Art geantwortet haben: „Keine Angst. Für einen solch arroganten Idioten wie dich besteht keine Gefahr, von mir angemacht zu werden. Ich wünsch' dir noch viel Spaß.“

Ich hatte ihn längst aus den Augen und aus dem Sinn verloren als ich einige Stunden später beschloss, nach Hause zu gehen. Das Schicksal wollte es wohl, dass ich ihn kennenlernte und da es beim ersten Versuch nicht funktioniert hatte, kam nun eine Alternative. Ich bemerkte auch überhaupt nicht, dass er in der Warteschlange vor mir stand. Erst als er an der Reihe war und offensichtlich feststellte, dass er seinen Geldbeutel vermisste, drehte er sich zu mir um: „Was soll ich jetzt tun? Die machen hier ziemlichen Stress wenn einer nicht zahlen kann...“ Ich antwortete ihm nur: „Wieder hineingehen und dir überlegen, wo du deinen Geldbeutel eventuell verloren hast und vor allem hier nicht länger den Verkehr aufhalten. Ich bin müde und möchte nach Hause.“

Steven blickte mich an mit großen hilflosen Augen und wie noch so oft im darauf folgenden Jahr fragte ich mich auch in diesem Augenblick, warum ich plötzlich spontan meine Hilfe anbot. War es dieser durchdringende fragende Blick, war es einfach nur meine Müdigkeit und die Hoffnung, dadurch schneller nach Hause zu kommen? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall bezahlte ich seine Getränkekarte mit und wir liefen zusammen zu seinem Auto, wo sich nach seinen Beteuerungen ganz bestimmt das Geld versteckt hatte. Erst in dem Moment als wir beide im Auto saßen fiel mir auf, dass sein Alkoholkonsum an jenem Abend wohl um einiges größer ausgefallen war als ich eigentlich vermutet hatte. Er öffnete das Handschuhfach und kramte darin herum. Gerade als er seinen verloren geglaubten Geldbeutel gefunden hatte, drehte er sich plötzlich um, öffnete die Tür und ließ den Dingen ihren Lauf. Ich bin mir heute nicht sicher, ob Steven in dieser Nacht tatsächlich noch selber nach Hause fahren wollte, vor allem da ich ihn später immer als sehr routinierten und vernünftigen Autofahrer kennengelernt hatte...

Auf alle Fälle konnte ich das natürlich nicht zulassen und so bot ich mich an, ihn nach Hause zu bringen. Kaum auf meiner Rückbank angekommen verfiel er dann wohl auch in so eine Art Alkoholkoma und war nicht mehr wach zu bekommen. Der Ausweis in seinem Geldbeutel verriet mir seine Adresse, er wohnte in einer schicken Penthousewohnung mitten in einem sehr modernen und geradezu futuristisch anmutenden Stadtgebiet. Lustigerweise hatte ich mir ein paar Monate zuvor überlegt, ganz in die Nähe seiner Adresse zu ziehen aber die Mietpreise überstiegen dann doch meine finanziellen Vorstellungen.

Ich brachte Steven in dieser Nacht in sein Schlafzimmer, legte ihn aufs Bett und zog ihm die Schuhe aus. Mehr konnte ich nicht für ihn tun, dafür dass ich ihn kaum kannte, war dies meiner Ansicht nach auch schon mehr als genug. Da ich mich nicht eigenständig an seinem Geld zu schaffen machen wollte, hinterließ ich ihm einen Zettel mit meiner Telefonnummer und dem Satz „Ruf mich bitte an wenn du wieder nüchtern bist, ich möchte mein Geld zurück!“

Zwei Tage später trafen wir uns in einem kleinen Café unten an der Uferpromenade. Er betrat den Raum und machte auf mich einen vollkommen anderen Eindruck als in jener Nacht als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Er wirkte jungenhaft, verschmitzt und nach außen hin so als könne man ihm nichts böse nehmen. Allerdings wurde diese Fassade durch seine Arroganz sehr schnell wieder zerstört. Steven setzte sich an meinen Tisch mit den Worten: „Danke, dass du das alles für mich getan hast. Hier ist dein Geld und von mir aus lade ich dich noch zu einem Kaffee ein aber mehr läuft nicht, klar? Mach dir bloß keine Hoffnungen!“ Ich lächelte ihn nur an und sagte zu ihm: „Ich wünsch' dir ebenfalls einen schönen Nachmittag aber da wo du herkommst, scheint man es ja wohl mit Begrüßungen und Anstand im Allgemeinen nicht so genau zu nehmen...“ Steven ließ sich nicht in seinem Fahrwasser beirren. Er zog die Show gnadenlos durch für die er lebte. Er sah sich wohl als attraktiver, gut aussehender Jüngling, der von allen begehrt wird und er fühlte sich wohl in dieser Rolle, sämtlichen Zuneigungsbezeigungen einfach nur die eiskalte Schulter weisend.

Ich ließ mich von seinem Verhalten keineswegs beeindrucken. Wie oft schon saß ich in diesem Café mit Männern, die ich in Internet-Chats kennengelernt hatte. Jedesmal mit ein wenig Herzklopfen, mit der Hoffnung den einzig richtigen endlich gefunden zu haben. Hereinkommend als Fremde und hinausgehend als händchenhaltendes verliebtes Pärchen. Stattdessen bildete ich fast jedesmal nur das Publikum für diese versnobten Neurotiker, die nur präsentieren wollten, wie toll sie sind und wie sehr es doch unter ihrem Level wäre, noch einmal kostbare Zeit für mich zu opfern. Aber jeder verabschiedete sich mit den Worten, dass es sehr nett gewesen sei und man sich über das Kennenlernen gefreut habe. Manchmal wünschte ich mir ehrlich, ein Regenwurm zu sein. Dann könnte ich damit prahlen, dass ich zu einer Gattung von Lebewesen gehöre, die Gutes tut, die den Boden auflockert, damit Pflanzen darauf wachsen können. Stattdessen gehöre ich zur Gattung Mensch. Evolutionstechnisch gesehen wohl so ziemlich am anderen Ende der Skala. Was die alltägliche Intelligenz und die Moralvorstellungen betrifft, allerdings leider auch!

Keine Ahnung, wie dieser Nachmittag im Einzelnen verlief. Ich hatte wohl aus Anstand irgendein Kommunikationsprogramm ablaufen lassen, das ich durch meine vielen Dates in diesem Café bestens einstudiert hatte, den Verstand überhaupt nicht bei der Sache. Das Einzige auf was ich mich konzentrieren konnte, war sein Kinngrübchen. Ich hatte noch nie einen Mann gesehen mit solch einem markanten und zugleich perfekten Gesichtszug. Als Steven plötzlich aufstand, erwachte ich aus meinem Automatikprogramm. „Ich werde dann mal gehen. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder irgendwo. Bist ein ganz netter Kerl soweit. Und danke nochmal. Bis die Tage.“ Er drehte sich um, ging nach vorne um zu bezahlen und verschwand ohne sich umzudrehen.

Wir sind uns in verschiedenen Cafés und Diskotheken immer mal wieder begegnet und obwohl ich ihm das anfangs überhaupt nicht zugetraut hatte, begrüßte er mich mit der Zeit sogar schon aus der Ferne mit einem Winken und einem Lächeln auf seinen Lippen. Wir kamen immer öfter und immer länger ins Gespräch und eines Tages schlug er mir tatsächlich vor, ob wir uns denn nicht mal wieder nachmittags zu einem Kaffee treffen wollten, um in Ruhe zu quatschen. Allerdings ließ er es nie aus, darauf hinzuweisen, dass ich mir keine Hoffnungen machen brauche, dass daraus mehr entstehen könne. Diese Bemerkung von Steven war im Grunde genommen unnötig, denn erstens war er nicht gerade mein Typ, in den ich mich verlieben könnte und außerdem hatte ich damals bereits den Entschluss gefasst, Single zu bleiben. Es gab doch nichts schöneres als die Freiheit, dieses ganze selbstverliebte, hochnäsige Völkchen aus der Ferne betrachten zu können ohne sich selbst in dieser Löwengrube aufhalten zu müssen.

Und so kam es, dass sich im Laufe der Zeit zwischen Steven und mir eine gute Freundschaft entwickelte. Naja, eigentlich war ich wohl meistens mehr sein Kummerkasten und ich musste mir gar so oft seine Geschichten anhören von der Bandbreite zwischen unendlicher Verliebtheit und tiefster Enttäuschung. Aber irgendwie wurde mir Steven von Tag zu Tag sympathischer. Er kam immer ganz unverhofft zu mir, da er ja aufgrund der flapsigen Art, sein Leben zu verbringen, nie wissen konnte, was in den nächsten Minuten auf ihn zukommen würde und wo er wohl in einer Stunde sein würde. Er kam zu mir, ging in die Küche, um sich mit Cola und Chips zu versorgen und setzte sich dann zu mir auf den Teppich im Wohnzimmer, um mir zu erzählen welchen tollen Kerl er kennengelernt hatte und dass das jetzt wirklich die große Liebe seines Lebens sein würde. Einige Tage später kam dann meist das andere Szenario: er stand mit verweinten Augen vor meiner Tür und klagte schluchzend, wie furchtbar die Welt doch sei und dass er doch immer wieder enttäuscht werden würde.

Ein Gutes hatte die Sache damals für mich, ich wurde kontinuierlich auf dem Laufenden gehalten, dass sich da draußen nichts aber rein gar nichts geändert hatte. Schöne Eingebildete sind auf der Suche nach noch schöneren noch eingebildeteren Typen und versprechen ihnen die große Liebe, und das nur um ein kurzes Abenteuer zu ergattern. Steven tat mir Leid, sehr sogar. So sehr ich ihn auch am Anfang unserer ersten Begegnung als arroganten Schnösel empfunden hatte, so sehr hatte ich mit der Zeit sein wahres Ich hinter der Fassade entdecken dürfen. Er war verletzlich, empfindsam und immer auf der Suche nach einer kleinen Portion ehrlicher Liebe, die ihm niemand gewillt war, entgegenzubringen. Ich tat es, ja. Aber ich zählte nicht. Ich war „nur“ ein guter Freund, der für ihn sicherlich zwar auch sehr wichtig war aber die Liebe eines guten Freundes konnte eben nicht die Liebe ersetzen nach der er sich so sehnte.

Durch diese vielen emotionalen Achterbahnfahrten hatte sich Steven mit der Zeit verändert. Er fing an, mehr und mehr daran zu zweifeln, dass er jemals in seinem Leben das finden würde was er sich in seinen Träumen erhoffte. Er fing an, esoterische Bücher zu lesen, sich über Wiedergeburt zu informieren und konsumierte nur noch Astro-Sendungen, um wie er es nannte „soviel spirituelles Wissen wie nur möglich aufzusaugen“. Diese Veränderung in seinem Wesen beunruhigte mich und nachdem ich mir das Ganze einige Wochen angesehen hatte, sprach ich ihn bei einem unserer Sonntagsspaziergänge offen darauf an. Er lachte laut und sagte zu mir: „Du musst dir keine Sorgen machen, ich bin nicht verrückt. Aber weißt du, ich habe einfach angefangen, intensiver über alles nachzudenken. Über mich, was ich gerne möchte und was ich auf keinen Fall haben will. Und dabei bin ich auf einen faszinierenden Gedanken gestoßen. Was ist, wenn ich das hier auf dieser Welt, in diesem Universum gar nicht finden kann, was ich suche? Stell dir vor, es gibt vielleicht unendlich viele Welten in der Unendlichkeit und wir sind immer nur jeweils auf einer davon zufällig zu Besuch. Um zu sehen, ob es die eine wahre ist, die zu unserem Wesen passt oder ob wir weiter gehen müssen zur nächsten. Und irgendwann finden wir die einzig richtige Welt und können auf ihr ewig leben. Was, wenn es tatsächlich so ist? Würde ich dann nicht hier auf dieser Welt nur meine Zeit verschwenden? Dieser Gedanke lässt mich nicht mehr los!“

Dieser Gedanke ließ auch mich nicht mehr los seit Steven ihn damals laut ausgesprochen hatte. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken und ich hatte vor Schreck keine Ahnung, was ich ihm entgegnen sollte. Bis zum Ende unseres Spazierganges hatte keiner von uns beiden noch ein Wort verlauten lassen und auch bei unserer Verabschiedung war die Stimmung zwischen uns sehr gedämpft.

Als ich Stevens Worte einige Tage später etwas besser verarbeitet hatte, sprach ich ihn bei einem gemeinsamen Abendessen darauf an, dass es mir keine Ruhe ließ und seine Worte große Angst in mir hervorriefen. Aber er verstand es wie immer, mich zu beschwichtigen und er versicherte mir, genau zu wissen was er tun musste.

In der folgenden Zeit zog er sich mehr und mehr zurück und so freute es mich umso mehr als er eines Tages freudestrahlend vor meiner Tür stand und mir einen Luftballon in die Hand drückte. „Mir geht es so gut, das Leben ist so schön, das kannst du dir gar nicht vorstellen“, mit diesen Worten schwang er sich auf mein Sofa, streifte die Schuhe ab und pfiff eine lustige Melodie während er mit den Füßen in der Luft herumwirbelte. Verrückter Kerl! Ich band den Luftballon an mein Regal und fragte ihn etwas spöttisch: „Na, sind wir mal wieder verliebt?“ Er unterbrach seine Pfeifkünste und setze sich ganz aufrecht hin: „Ja! Und diesmal ist es ganz anders. Ich spüre es in jeder Faser meines Körpers. Es ist so wundervoll, du wirst grün werden vor Neid.“ Daraufhin erzählte mir Steven in allen Einzelheiten wie er seine neue große Eroberung über eine Kontaktanzeige kennengelernt hatte. Er hieß Rob, war fünf Jahre älter als Steven, sah fantastisch aus, hatte ein strahlendes Lächeln und eine super sympathische Art. Er war der geborene Kavalier und brachte Steven zu jeder Verabredung grundsätzlich eine Rose mit in wechselnden Farben und das Leben ist schön und alle Schmerzen der Vergangenheit sind vergangen und und und... Die üblichen vernebelten Eindrücke eines frisch Verliebten, der jeglichen Realitätsbezug verloren hatte. Ich freute mich für Steven, ehrlich! Und ich nahm es ihm auch nicht übel, dass wir uns in der darauf folgenden Zeit extrem selten getroffen haben. Er war verliebt und was gab es schöneres als diese Phase bis zum Exzess auszukosten?

Er fehlte mir ein wenig, die Gespräche, die Spaziergänge wurden seltener und seltener und zum Schluss sahen wir uns nur noch einmal alle zwei Wochen im Café an der Uferpromenade, um bei einem heißen Cappuccino Neuigkeiten auszutauschen. Steven schien tatsächlich seine große Liebe gefunden zu haben und so langsam begann ich sogar, meine üblichen Vorbehalte gegenüber dieser Thematik etwas aufzulockern.

Umso mehr überraschte es mich als Steven in jener verhängnisvollen Nacht tränenüberströmt an meine Tür hämmerte und laut schluchzend nach Luft und nach Worten rang. Ich wartete geduldig ab bis er sich nach einer Stunde wieder ein klein wenig beruhigt hatte. Jedenfalls soweit, dass er immerhin in die Lage kam, mir zu erzählen, was eigentlich los war. Die große Liebe hatte sich nämlich nun doch als schattenhaft entpuppt. Steven erzählte mir völlig verzweifelt, dass Rob sich immer mehr zurückziehen würde. Sie hätten sich bereits vier Tage weder gesehen noch miteinander telefoniert und überhaupt hätte es in der vergangenen Zeit den Anschein gemacht als ob Rob von einem Tag auf den anderen die Lust an ihrer Beziehung verloren hätte. Was sollte ich darauf sagen? Mit einem „Ich habe es dir doch immer gesagt, dass du mit deinen Gefühlen vorsichtig sein solltest“ war niemandem geholfen. Ich schwieg, nahm Steven einfach nur in den Arm und drückte ihn fest an mich, um ihm zu zeigen, dass ich für ihn da war und ihn auffangen würde. Aber ich bemerkte recht bald, dass er gar nicht von mir aufgefangen werden wollte. Er war auch nicht nur aus dem Grunde zu mir gekommen, um sich bei mir auszuweinen und Trost zu suchen. Steven hatte einen Plan, von dem ihn offensichtlich niemand abbringen konnte. „Ich habe durch einen blöden Zufall herausgefunden, dass er von Anfang an nicht ehrlich zu mir. Die Wohnung, in der er angeblich schon seit fünf Jahren wohnt, hat er erst vor drei Monaten angemietet. Ich wollte gestern zu ihm weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Und da ich ihn nicht angetroffen habe, setzte ich mich auf die Stufen vor seiner Tür. Ich weiß nicht wie lange ich dort auf ihn gewartet habe aber er kam nicht. Stattdessen kam seine Vermieterin und wollte ein Schriftstück bei ihm abgeben. Ich habe sie in ein Gespräch verwickelt und dabei herausbekommen, dass er nicht wirklich dort wohnt sondern in einem Vorort im Norden und die Wohnung angeblich als Arbeitsbereich angemietet hat. Ich habe der guten Frau schöne Augen gemacht und sie hat mir seine richtige Adresse verraten.“ Ich konnte Steven in seinem Redefluss nur mühsam unterbrechen mit ein paar kurzen Worten: „Und was hast du jetzt vor?“ „Ich muss da hin fahren, das ist doch ganz einfach“, antwortete er hastig, „ich muss wissen, was los ist sonst finde ich keine Ruhe. Und du wirst mich begleiten.“ Das waren genau die fünf Worte, die ich nicht hören wollte. Nicht genug, dass ich Steven wieder einmal leiden sehen musste weil er wie so oft von einer dieser fürchterlichen Gestalten allem Anschein nach tief enttäuscht worden war; jetzt sollte ich dieses Schauspiel auch noch live miterleben. Mein Verstand wehrte sich mit allem gegen diese Vorstellung und ich wusste, es wäre das beste, ihm diese Idee auszureden. Aber ich wusste auch, dass er sich sein Vorhaben nicht ausreden lassen würde. Und so tat ich, wie so oft, auch in diesem Moment etwas, das ich bis heute nicht verstehe. Ich stimmte zu, ihn zu begleiten. Vermutlich weil ich mir sicher war, dass er ohnehin zu dieser Adresse fahren würde und aufgrund seines emotionalen Zustandes war es auf jeden Fall besser wenn ich ihn begleitete.


Wir fuhren über zwei Stunden nach Norden bis wir weit außerhalb der Stadt in einem kleinen Dorf angekommen waren. Die Gegend hatte richtig typische ländliche Züge und vermutlich hatten die Bewohner hier auch die entsprechenden Sichtweisen vom Leben, von „Anstand und Moral“. Als wir von der Durchgangsstraße in ein abgelegeneres Wohngebiet abgebogen sind, dachte ich noch in einem Anflug von Humor: „Das wird jetzt wohl was geben. Ein enttäuschter Typ aus der Großstadt kommt mit seinem besten Freund hieraus gefahren aufs Land, um seinen untreuen Lover zur Rede zu stellen. Was für eine Kuriosität...“ Es war Galgenhumor wie sich bald herausstellen sollte. Steven hatte sich anscheinend auf die Fahrt hierher gut vorbereitet, er zögerte bei keiner Straßengabelung auch nur ein bisschen, welchen Weg wir denn einschlagen müssten. Vermutlich hatte er die Strecke bereits ausführlich recherchiert bevor er in dieser Nacht zu mir kam. Wir hielten an vor einem durchschnittlich wirkenden hellgelben Haus. Der Vorgarten wirkte gepflegt, überall standen kleine Figuren in einem perfekt geschnittenen Rasenstück. Als wir langsam auf den Eingang zuliefen, kreuzte eine ältere Frau mit ihrem Hund unseren Weg und bemerkte natürlich sofort die „Eindringlinge“ aus der Stadt. Sie sprach uns unverhofft an und fragte uns, ob wir Freunde von Rob seien. Aus meiner Intuition heraus antwortete ich: „Ja, wir kennen Rob schon lange. Er hat uns schon so oft eingeladen und heute haben wir es endlich geschafft. Wir sind auf der Rückfahrt einer Reise und wollten ihn mit einem kurzen Besuch überraschen.“ Erstaunlich, wie leicht und glaubhaft mir diese Worte von den Lippen gingen, ich hatte diesen Rob noch nie in meinem Leben gesehen! Die Frau zog ihre Kapuze vom Kopf, kam plötzlich ganz nah an mein Gesicht und flüsterte mit einer gehörigen Portion Naivität: „Wissen Sie, hier auf dem Land war es für uns schon ungewöhnlich aber wenn man die beiden so sieht, wünscht man ihnen ja dann doch das große Glück. Und sein Freund ist ja immer so hilfsbereit zu allen. Wir möchten die beiden mittlerweile hier überhaupt nicht mehr missen.“ Sie kicherte verschmitzt und lief weiter. Da sie wohl unmöglich Steven als Robs Freund gemeint haben konnte, war die Sache wohl doch so wie wir vermutet hatten. Und obwohl sie sich alle Mühe gab, mir diese Info leise und vertraulich mitzuteilen, hatte Steven natürlich trotzdem alles gehört. Er stürmte zur Eingangstür, riss sie auf und rannte ins Haus. Völlig überrascht über sein Tempo hastete ich hinterher, um zu verhindern, dass er eine Dummheit beging.

Rob und sein Freund, ein unscheinbar wirkender blasser Jüngling, mussten wohl auf dem Sofa vor dem Fernseher eingeschlafen sein und sprangen verschreckt auf als wir beide mit viel Krach in ihr Haus eindrangen. Steven stellte sich vor ihn hin und fragte ihn leise nur ein einziges Wort: „Warum?“ Rob schien relativ schnell seine Fassung wieder zu gewinnen und antwortete Steven gelassen und ein wenig arrogant: „Meine Güte, was machst du denn hier?“ „Du weißt genau, was ich hier mache. Deine Vermieterin wollte dir heute ein Schriftstück vorbei bringen in deine 'Arbeitswohnung' und ich habe sie zufällig dort getroffen. Damit hast du nicht gerechnet, was? Sag mir jetzt bitte, was das soll!“ Rob ging ein paar Schritte zu der offenen Küchenzeile hinüber und goss sich ein Glas Wasser ein. „Du nervst zwar gerade ohne Ende und ich finde deinen Auftritt hier mehr als daneben aber wenn du es unbedingt wissen willst, werde ich es dir erklären.“ Was dann folgte, war an Eiseskälte nicht zu überbieten. Rob war Schauspieler und er stand kurz vor dem Drehbeginn zu einer Liebesschnulze, in der er einen Lehrer spielen sollte, der sich in einen seiner Schüler verliebt und mit ihm eine Affäre beginnt. Nach einiger Zeit verändern sich jedoch seine Gefühle und da das Ganze ohnehin keine Zukunft haben kann, beendet er die Geschichte. „Ich wollte einfach im realen Leben mal ausprobieren, wie so was momentan läuft, um die Rolle authentisch spielen zu können. Und da kam mir die geniale Idee, ich such mir halt einfach jemanden aus 'ner Kontaktanzeige, verstehst du? Ich hab zu keiner Zeit irgendetwas für dich empfunden, war nur 'ne Übung für mich. Schade, dass du es jetzt schon herausgefunden hast, aber ist nun auch egal. Und jetzt da du die Wahrheit weißt, tu' mir einen Gefallen: nimm deinen Begleitschutz und hau' ab, ok?“ Mir war klar, dass mich die Sache eigentlich nichts anging, aber ich musste die nun entstandene Grabesstille mit einer Frage unterbrechen. Ich wandte mich an Robs Freund: „Und du hast von all dem gewusst?“ Völlig verstört, dass er nun plötzlich auch in diese Schmierenkomödie mit einbezogen wurde, stammelte dieser nur: „Ja, ja natürlich, ich dachte eben...wenn es Robs Karriere hilft, würde ich alles für ihn tun.“

In diesem Moment wünschte ich mir wieder von ganzem Herzen, ein Regenwurm zu sein. Aber da dieser Wunsch in meinem jetzigen Leben wohl nicht mehr in Erfüllung gehen wird, konzentrierte ich mich kurzerhand auf ein weit wichtigeres Thema: zu verhindern, dass Steven eine Dummheit begeht. Er stand da mit geballten Fäusten, seine Lippen hatten sich zu zwei dünnen blauen Strichen zusammengezogen und er blickte mich kurz an mit einem Blick, den ich nicht mehr vergessen werde. Sein Groll hatte sich innerhalb weniger Sekunden in Wut verwandelt und die Wut in Hass. Er rannte auf Rob zu, schlug ihm das Glas aus der Hand und schrie ihn an: „Ich bring dich um.“ Ich rannte zu Steven und zerrte ihn zu mir. Er war völlig weggetreten. Steven sah mich an, flehend, hilfesuchend mit einem ähnlichen Blick wie an unserem ersten Abend am Ausgang der Disko als er sein Geld nicht finden konnte. Nur jetzt waren seine Augen kalt und leer, völlig ohne jeden Lebensfunken. „Warum machen die das mit mir? Warum? Was hab ich getan, dass ich das verdiene?“ Ich blickte Rob und seinen blassen Jüngling verächtlich an und sagte zu Steven nur: „Komm wir gehen, wir haben hier nichts mehr verloren.“ Ich musste ihn auf dem Weg zu seinem Auto stützen, so schwach war er, so sehr verletzt.

Nachdem wir in seiner Wohnung angekommen waren, machte ich Steven einen heißen Tee und setzte mich neben ihn auf den Boden im Wohnzimmer. Er hatte während der Fahrt kein Wort geredet und auch jetzt saß er nur da, sein Blick starr nach vorne gerichtet. Ich wusste nicht was ich sagen sollte und auch nicht, was ich in dieser Situation tun konnte. Irgendwann versuchte ich, ein Gespräch zu beginnen: „Steven, weißt du...“ Doch er unterbrach mich sofort, vermutlich wollte er keine aufmunternden Worte und keine Kommentare darüber hören, wie schlecht die Welt ist. All das wusste er bereits. „Danke, dass du mich trösten möchtest aber nicht jetzt. Ich kann keinen Gedanken mehr fassen. In meinem Kopf ist nichts als Leere. Bitte geh jetzt und lass mich allein. Bitte!“ Es war sein Wunsch gewesen und diesem musste ich mich beugen. Ich holte meinen Mantel von der Garderobe und bevor ich ging, nahm ich Steven noch einmal in den Arm und drückte ihn ganz fest. „Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an zu jeder Zeit, Tag und Nacht, versprichst du mir das?“ Steven nickte nur traurig mit dem Kopf und begleitete mich hinaus. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, setzte ich mich total erschöpft auf die Stufen davor, um für ein paar Minuten neue Kraft zu tanken. Ich hatte Angst um Steven. Was würde er jetzt machen in dieser Situation, völlig verzweifelt und ohne jegliche Perspektive? Völlig erschöpft musste ich wohl über meinen Gedanken eingenickt sein und als ich wieder aufwachte war fast eine Stunde vergangen. Ich stand auf und horchte an Stevens Tür. Alles war still, kein Laut drang aus seiner Wohnung. Ich hoffte so sehr für ihn, dass er auch ein paar Stunden Schlaf finden konnte, um ein wenig Abstand zu gewinnen von all den emotionalen Abgründen, die er erleben musste.

Als am nächsten Morgen die beiden Polizeibeamten vor meiner Tür standen, wusste ich sofort, was passiert war. Mich durchfuhr ein höllischer Schmerz als ob mir jemand einen Dolch in mein Herz stoßen würde. Sie hatten sich alle Mühe gegeben, tröstende Worte für mich zu finden was ihnen jedoch nicht wirklich gelang. Die junge Frau setzte sich neben mich und berichtete in kurzen knappen Worten. „An diesem Felsabgrund in der Emerald Bucht sind in den letzten Monaten sehr viele Unfälle passiert. Sein Wagen hat sich offensichtlich mehrfach überschlagen. Vermutlich ist er wohl von einer durchgefeierten Diskonacht nach Hause gefahren und dabei übermüdet am Steuer eingeschlafen.“ „Ja, vermutlich“, antwortete ich nur, meinen leblosen Blick starr ins Leere gerichtet. Nachdem die beiden Polizisten wieder gegangen waren, ist mir unser Sonntagsspaziergang einige Monate zuvor wieder in den Sinn gekommen als mir Steven erklärt hatte, dass er hier auf dieser Welt wohl das nicht mehr finden würde was er sucht. Er sagte damals zu mir: „Weißt du, wenn das hier zu Ende geht, dann ist das überhaupt nicht schlimm für mich. Das bedeutet mir gar nichts. Absolut nichts!“

Bis heute weiß ich nicht, wann Steven in jener Nacht seine Wohnung verlassen hat. Ob er nach mir ging oder ob er sich an mir vorbei geschlichen hatte während ich auf den Stufen eingenickt war und er sich dann noch still von mir verabschiedete. Auf jeden Fall hatte er sich eine kluge Stelle für seinen Abschied ausgesucht. So war er lediglich ein Fall unter vielen in der Unfallstatistik und keiner außer mir weiß, was wirklich dahinter steckt.

Ich habe meine Besuche an Stevens Grab reduziert. Nicht, weil in mir meine Erinnerung an ihn langsam verblassen würde oder weil er mir nun nicht mehr so wichtig wäre, ganz im Gegenteil! Mehr und mehr verspüre ich allerdings das Gefühl, dass es Zeit ist, ihn loszulassen. Er ist nun anscheinend dort angekommen wo er immer hin wollte, in einer neuen Dimension in der er wohl all das erleben konnte was er sich immer gewünscht hatte. Wir sind einen Teil des Weges zusammen gegangen aber dieser Teil ist nun zu Ende. Ab und zu gehe ich bei Steven vorbei und rede mit ihm. Ich erzähle ihm, was sich in der Zwischenzeit in meinem Leben alles verändert hat und welche Kuriositäten mir hier tagtäglich begegnen. Ich bin schon sehr gespannt darauf, was er mir wohl erzählen wird.


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